Verschenken Sie Ihren Fernseher!
Haben Sie Lust auf ein kleines Experiment? Schauen Sie 30 Tage nicht fern. Tragen Sie Ihren Fernseher in den Keller, und in einem Monat holen Sie ihn wieder herauf.
Warum in den Keller? Es ist schwierig, eine langjährig ausgeübte Gewohnheit einfach so, ohne besondere Not, zu unterlassen. Wenn Sie jeden Tag um 6 Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen, dann wachen Sie vermutlich auch am Wochenende und in den ersten Urlaubstagen zu dieser Zeit auf. Nur wenn Sie wirklich zu Tode erschöpft und übermüdet sind, schlafen Sie an freien Tagen länger. Mit dem Fernsehen ist es ähnlich: vermutlich schalten Sie den Fernseher schon gewohnheitsmäßig zu bestimmten Zeiten ein, einfach weil Sie das schon immer so machen. Wenn Sie den Fernseher in den Keller tragen, dann gibt es ein kleines Hindernis, und Sie können Ihn nicht aus reiner Gewohnheit einschalten, sondern müssen kurz nachdenken, ob Sie wirklich extra in den Keller runtergehen und das Ungetüm hochtragen wollen, nur um die Nachrichten zu sehen.
Und warum 30 Tage? Ich glaube nicht, dass sie im Moment ernsthaft erwägen, das Fernsehen ganz aufzugeben. Warum auch? Fernsehen macht doch Spaß, es ist entspannend nach einem anstrengenden Arbeitstag, und wertvolle Informationen liefert das Fernsehen Ihnen auch. Vielleicht sind Sie aber neugierig und wollen nicht nur sitzen und zuschauen, sondern selbst einmal etwas erleben. Es könnte deshalb eine wertvolle Erfahrung für Sie sein, einmal ganz deutlich zu spüren, was das Fernsehen für Sie ist, warum Sie fernsehen, und wie es Ihnen ohne Fernseher gehen könnte.
Vielleicht wollen Sie auch gerne etwas in Ihrem Leben ändern, schaffen das aber nicht oder wissen nicht wie. Dann könnte es sein, dass Sie in den 30 Tagen ohne Fernseher feststellen, dass das Fernsehen ihnen geholfen hat, sich nicht ändern zu müssen, weil es das betäubt, was ihnen weh tut, oder das verdeckt, was Ihnen fehlt. Vielleicht schauen Sie lieber Liebesfilme im Fernsehen an, als Ihre grässliche Beziehung zu beenden und endlich den Mann Ihrer Träume zu finden, weil Sie Angst vor dem schmerzvollen Weg dorthin haben. Vielleicht schauen Sie lieber Actionfilme an, statt endlich Ihren Drecksjob aufzugeben, sich fortzubilden und Ihrer Berufung nachzugehen. Vielleicht stellen Sie fest, dass das Fernsehen sie davon abhält, die Wünsche wahr zu machen, von denen Sie schon so lange ganz unglücklich träumen. Probieren Sie es einfach einmal aus. 30 Tage kann jeder schaffen, denn Sie wissen ja, dass Sie danach weitermachen dürfen, wie gewohnt. Und vielleicht entdecken Sie in der Stille, was Sie wollen und machen den ersten Schritt.
Ich habe seit über zwanzig Jahren keinen Fernseher, und ich will Ihnen erklären, warum.
Wenn Sie einen Fernseher haben, dann schauen Sie sehr wahrscheinlich jeden Tag etwa eine bis zwei Stunden fern. Ein Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, und nur etwa sechzehn Stunden davon sind Sie wach. Eine Stunde von sechzehn ist ein sehr großer Teil Ihres Lebens.
Nein, ich möchte Ihnen nicht nahelegen, dass Sie diese Zeit sinnvoller nutzen sollten. Ganz im Gegenteil, ich denke, dass Sie sich Entspannung und Erholung verdient haben. Ich nutze die Stunde, die ich nicht fernsehe, nicht, um zu arbeiten. Ich leiste nichts in diese Zeit. Ich ruhe mich aus, so wie Sie, nur eben nicht vor dem Fernseher. Ich entspanne mich, ohne dass ich in dieser Erholungsphase fremden Ideen erlabue, in mein Denken einzudringen. Ich bin diese Stunde, die Sie fernsehen, ganz bei mir.
Denn was ist das Fernsehen? Es ist eine Methode, allen Menschen unseres Landes dieselben Wertvorstellungen, Wünsche und Verhaltensweisen beizubringen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen attraktiven Chef (oder eine Chefin, was Ihnen mehr zusagt), der Sie jeden Tag eine Stunde lang massiert und Ihnen erklärt, wie sehr er Ihre Arbeit schätzt und wie viel Ihr Beitrag für den Erfolg des Unternehmens bedeutet. Ich bin überzeugt, dass Sie Ihr Bestes bei der Arbeit geben und so viel leisten würden, wie nie zuvor in Ihrem Leben. Und jetzt stellen Sie sich vor, Ihre Mutter (oder Ihr Vater oder Ehemann oder ein anderer Mensch, den Sie lieben) sagt Ihnen jeden Tag eine Stunde lang, dass Sie nichts taugen und niemals etwas aus Ihnen werden wird. Das brauchen Sie sich nicht vorzustellen, weil es der Realität entspricht? Dann verstehen Sie, was Fernsehen ist. Fernsehen erregt Ihre tiefsten Bedürfnisse nach verantwortungslosem Spaß und unmittelbarer Triebbefriedigung und versetzt Sie damit in einen Zustand erhöhter Aufnahme- und Lernbereitschaft. Wenn Sie fernsehen, hören, sehen und verinnerlichen Sie jeden Tag eine bis zwei Stunden lang ganz entspannt folgende Gebote und Lebensregeln:
- Menschen töten einander
- Liebende belügen und betrügen einander
- Beziehungen und Freundschaften tun einander weh
- Familien sind krank
- Arbeit macht unglücklich
- Es macht glücklich, immer mehr zu besitzen und viele schöne Dinge zu kaufen
Das sind die Dinge, die am allerhäufigsten im Fernsehen passieren. Das ist das, was Sie für Ihr Leben lernen, wenn Sie täglich eine bis zwei Stunden fernsehen.
Ja, Fernsehen bietet Information. Aber ist diese Information ausgewogen? Nein. Die Nachrichten bieten Ihnen nur die schlimmsten und negativsten Ereignisse das Tages. Ein Flugzeug ist abgestürzt, mehrere Tausend Flugzeuge dagegen sind ohne Schaden angekommen. Ein Mensch wurde ermordet. Mehrere Millionen Menschen (in unserem Land) wurden nicht ermordet. Es ist lange schon erwiesen, dass die Kriminalität in unserem Land abnimmt. Dennoch steigt von Jahr zu Jahr die Sorge der Menschen, Opfer eines Verbrechens zu werden. Warum haben die Menschen Angst vor etwas, das immer unwahrscheinlicher wird? Warum erscheint es Ihnen, als würde »alles immer schlimmer« und als wäre früher alles besser gewesen, wenn doch genau das Gegenteil der Fall ist? Weil es immer mehr Nachrichten gibt, die von den wenigen schlimmen Ereignissen berichten und sie immer größer aufblasen.
Nein, ein Krimi macht uns nicht zu Mördern, aber täglich im Fernsehen hautnah Mord und Totschlag mitzuerleben, macht uns, je nach Veranlagung, entweder zu ängstlicheren Menschen oder wir gewöhnen uns an den gewaltsamen Tod und finden ihn allmählich normal. Nein, ein Film über Ehebruch führt uns noch nicht in Versuchung, aber täglich eine Geschichte vom Fremdgehen lässt es uns als normal und unvermeidlich akzeptieren, dass Menschen (und also auch wir) einander betrügen und verletzen werden. Diese Erwartung von Lüge und Schmerz bewirkt, dass wir uns in unserem Verhalten und Denken an etwas anpassen, das in unserem eigenen Leben noch gar nicht passiert ist, und machen es auf diese Weise erst möglich.
Nicht fernzusehen ist für mich Psychohygiene. Waschen Sie sich den Dreck von den Händen, bevor Sie sich zum Essen an den Tisch setzen? Warum erlauben Sie fremden Menschen, deren einziges Interesse es ist, Geld an Ihnen zu verdienen, Ihnen täglich eine bis zwei Stunden lang auf eindringlichste und unvergesslichste Weise Gedanken und Erlebnisse zu vermitteln, die Ihnen nicht gut tun und Sie zu einer Lebensweise bringen, die Sie unzufrieden macht?
Wagen Sie Veränderung
Auch wenn Sie das Fernsehen und seine Inhalte anders beurteilen als ich, probieren Sie dieses kleine Experiment doch einmal aus. Tragen Sie Ihren Fernseher für 30 Tage in den Keller und beobachten Sie sich: Wie fühlen Sie sich die ersten Tage? Fehlt Ihnen etwas? Was? Wie fühlen Sie sich nach zwanzig Tagen ohne Fernsehen? Anders? Was machen Sie statt Fernsehen? Dann tragen Sie den Fernseher wieder in Ihr Wohnzimmer und schauen Sie wieder, wie sie Lust haben. Aber beobachten Sie sich einige Tage lang weiter: Wie geht es Ihnen jetzt beim Fernsehen und unmittelbar danach? Anders als vor der kurzen Pause? Wie?
Schreiben Sie mir von Ihrer Fernsehpause, ich bin neugierig, welche Erfahrungen Sie gemacht haben. Oder schreiben Sie mir, warum Sie das Experiment nicht machen wollen.
Und wenn Sie jeden Tag eine oder mehr Stunden im Internet surfen, dann geben Sie einmal 30 Tage lang Ihr DSL-Kabel einem guten Freund ;-)


